
Kaum ein politisches Thema prägt die Weltöffentlichkeit seit nunmehr fast drei Jahren so stark wie der Israel-Palästina-Komplex. Die Gewalt vor Ort erreichte mit der Tötung und brutalen Geiselnahme israelischer Zivilist*innen am 7. Oktober 2023 sowie mit der systematischen Zerstörung von Leben und Lebensgrundlagen der palästinensischen Zivilbevölkerung im besetzten Gazastreifen einen erschreckenden Höhepunkt. Zahlreiche Expert*innen des Völkerrechts und der Genozidforschung sowie renommierte Menschenrechtsorganisationen sind angesichts des Ausmaßes und der Art der Zerstörung zu dem Schluss gekommen, dass Israel in Gaza einen Genozid verübt.1
Seit im Oktober 2025 in Gaza eine formale Waffenruhe herrscht, ist der Palästina-Israel-Komplex in den deutschen Medien und der Öffentlichkeit weniger präsent.. Die Gewalt vor Ort und die herrschaftsförmigen Verhältnisse sind jedoch keineswegs beendet. Trotz der Waffenruhe werden weiterhin Palästinenser*innen getötet, und die humanitäre Lage im Gazastreifen bleibt katastrophal. Eine Perspektive, die den politischen Belangen und Rechten der palästinensischen Bevölkerung gerecht wird, ist weiterhin nicht erkennbar.
Angesichts dieser Realitäten zeigt sich eine wachsende Diskrepanz zwischen der offiziellen politischen Position Deutschlands und den Wahrnehmungen breiter Teile der Bevölkerung. Während auf politischer Ebene weiterhin eine deutliche Parteinahme zugunsten Israels dominiert, empfinden viele Menschen eine tiefgreifende Erschütterung angesichts der Verbrechen an der palästinensischen Zivilbevölkerung. Viele wünschen sich einen politischen Kurswechsel in der deutschen Israel- und Palästinapolitik, der sich an den Menschenrechten und dem Völkerrecht orientiert und die historische Verantwortung Deutschlands ernst nimmt.
Insbesondere Menschen, die biografisch eng mit Israel und Palästina verbunden sind, erleben die anhaltende Gewalt vor Ort und ihren Widerhall in Deutschland als besonders belastend. Viele Juden und Jüdinnen – mit und ohne israelische Familiengeschichte – sind seit dem 7. Oktober mit Empathieverweigerung, Brüchen im persönlichen Umfeld und einem gesellschaftsübergreifenden, gewaltförmigen Antisemitismus konfrontiert. Palästinenser*innen erfahren in Deutschland seitens der Politik nicht nur keine Anteilnahme, sondern auch eine Verleugnung der Verbrechen an ihren Familien und Verwandten im Gazastreifen sowie rhetorische, politische und militärische Unterstützung für eine rechtsextreme israelische Regierung. Hinzu kommt ein normalisierter und institutionalisierter antipalästinensischer Rassismus.
Kritische politische Bildner*innen stehen unterdessen vor der Herausforderung, trotz sich verändernder Förderlogiken und politischer Vorgaben multiperspektivische und menschenrechtsorientierte Räume offenzuhalten, in denen die entgrenzte Gewalt vor Ort und die autoritären Verschiebungen hierzulande weiterhin bearbeitet werden können. Mit der zweiten Runde unseres Denkwerkstatt-Projekts möchten wir deshalb erneut einen Reflexions- und Austauschraum für Kolleg*innen aus der kritischen politischen Bildung schaffen. Gemeinsam wollen wir marginalisierte Stimmen und unterbelichtete Perspektiven in den Blick nehmen, bestehende Ansätze kritisch reflektieren, neues Fachwissen erwerben und der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit etwas entgegensetzen. Ziel ist es, unsere Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und dem komplexen Lerngegenstand Israel-Palästina in der politischen Bildung weiterhin gerecht zu werden.
Eingeladen sind politische Bildner*innen und Multiplikator*innen, die zum Themenkomplex Israel-Palästina arbeiten und Interesse am gemeinsamen Nachdenken, Lernen und Diskutieren methodischer Ansätze haben. Alle Werkstätten finden in Berlin Neukölln statt. Für Snacks, Getränke und ein vegetarisches Mittagessen ist gesorgt, sodass wir uns ganz auf den Austausch konzentrieren können. Die Denkwerkstätten können unabhängig voneinander besucht werden.
Denkwerkstatt 1: Co-Resistance statt Co-Existence? Widerstand von und Solidarität zwischen Israelis und Palästinenser*innen
Mit einem Impulsvortrag von Gil Shohat, 02.10.2026 9.30 - 16.30 Uhr
Welche kritisch-emanzipatorischen Akteur*innen kämpfen in Israel und Palästina für einen gerechten Frieden für alle und unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Und wie kann ihre Arbeit in die politische Bildung zu Israel und Palästina stärker einbezogen werden?
Denkwerkstatt 2: Post- und dekoloniale Perspektiven für die kritische politische Bildung zu Palästina und Israel
Mit einem Impulsvortrag von Maria do Mar Castro Varela, 30.10.2026 09.30 - 16.30 Uhr
Inwiefern können postkoloniale- und dekoloniale Perspektiven unsere Analyse vom Geschehen in Palästina und Israel und dem “Konflikt über den Konflikt” bereichern? Welche Rolle sollten postkoloniale und dekoloniale Perspektiven in einer multiperspektivischen politischen Bildung zu Israel und Palästina spielen? An welchen Stellen ist ihr Erklärungspotenzial erschöpft?
Denkwerkstatt 3: Menschenrechte und Völkerrecht als Kategorien der politischen Bildung zu Israel und Palästina
Mit einem Impulsvortrag von N.N.
Wie sollte eine menschenrechtsorientierte politische Bildung zu Israel und Palästina gestaltet sein und welches völkerrechtliche Wissen brauchen wir als politische Bildner*innen?
Denkwerkstatt 4: Betroffenheit als Kategorie und Begegnungspädagogik als Methode der politischen Bildung zu Palästina und Israel
Paneldiskussion mit N.N.
Welche Chancen und Risiken ergeben sich für die politische Bildung zu Palästina und Israel, wenn wir die Kategorie Betroffenheit ins Zentrum stellen? Wer ist betroffen, verstrickt, beteiligt oder bedroht?
Bei Fragen: Eine Mail schreiben an hallo@disruptif.org
Projektverantwortliche und Moderation der Werkstätten: Ahmad Dakhnous und Johanna Voß von disruptiF - feministisch bilden und beraten e.V.
